Produktstrategie & Roadmap
Aus einem Redesign-Auftrag wurde eine Strategie: zwanzig Fragen für jede Abteilung, Tiefeninterviews mit Lehrkräften, eine einzige Roadmap.
- Unternehmen
- OTeacher
- Rolle
- Product Manager & Designer
- Typ
- Research
- Branche
- Edtech · Live-Sprachunterricht online
- Team
- Ein zweiköpfiges Produktteam, dazu acht Abteilungen und die Abteilung Pädagogik
- Werkzeuge
- Figma
- Das Problem
- OTeacher wollte ein Redesign, doch die Teams teilten weder Ziele noch einen Entscheidungsweg noch ein gemeinsames Bild von Lehrkräften, Lernenden oder Markt.
- Die Rolle
- Im Produktteam, gemeinsam mit dem Produktmanagement: der Vierwochenplan, die Fragelisten für acht Abteilungen, die Interviews mit Lehrkräften, die Personas und die Strategiepräsentation.
- Das Ergebnis
- Ein gemeinsamer Plan: eine Markenpositionierung, ein Ziel für den operativen Gewinn und eine Roadmap mit sechzehn Punkten in drei Horizonten. Was danach geschah, geht aus der Datei nicht hervor.

01Kontext
Eine Online-Sprachschule, die ein Redesign wollte
OTeacher ist eine iranische Plattform für Live-Sprachunterricht online: Lernende wählen eine Lehrkraft, testen oft eine erste Stunde und buchen dann Unterricht. Die Website ging 2017 online und wurde zweimal neu gebaut; im Winter 1401, Anfang 2023, bekam das Unternehmen eine neue Geschäftsführung und ein neues Führungsteam.
Sina kam als Produktdesigner ins Produktteam und arbeitete eng mit dem Produktmanagement zusammen; der Auftrag war ein Redesign. Bald zeigte sich eine größere Lücke. Die Teams teilten keine Ziele, und der Führung fehlte ein klares Bild davon, was von jedem Team zu verlangen war, um Ergebnisse voranzubringen.
02Problem
Sieben Anliegen vor dem ersten Screen
Also begann die Arbeit mit einem Plan, und dieser Plan benannte zuerst, was dem Unternehmen fehlte – in Form von sieben Anliegen und Erwartungen:
- Große, übergeordnete Ziele und ein Weg, wie sie jede Ebene der Organisation und des Produkts erreichen
- Sinnvolle Verbindungen zwischen den Teams und dem Produkt, gestützt auf das, worüber sich alle Stakeholder einig sind
- Ein Mechanismus für Entscheidungen
- Erfahrung, die bewahrt und aufgeschrieben wird, damit sie zum eigenen Wissen der Organisation wird
- Ein gemeinsames Verständnis der Leistungen, die OTeacher anbietet
- Ein gemeinsames Verständnis von Zielgruppe, Nutzern und Markt
- Eine einheitliche Markenidentität an jedem Punkt, an dem Lernende und Lehrkräfte ihr begegnen
Fünf der sieben verlangen dasselbe: ein Bild, das alle teilen.

Vier Wochen, fünfzehn Arbeitsergebnisse
- 01Ziele und RollenKurzfristige Ziele, eine Präsentation für die Stakeholder, Geschäfts- und Produktkarten und die Aufgaben jedes Teams
- 02InterviewsInterviews und Meetings planen, jedes davon dokumentieren und bei den Teams nachhaken
03Vorgehen
Zwanzig Fragen für jede Abteilung
Jede Abteilung bekam ihre eigene Liste: zwanzig nummerierte Fragen unter einer einzigen Anweisung. Jede Frage beantworten und sagen, welchen Wert ihr Ergebnis für jeden Stakeholder schaffen würde – für die Lernenden, die Lehrkräfte und die Plattform.
Die Listen gingen an Produkt, Marketing, Pädagogik und Lehrkräfte, Support, das Technikteam, Finanzen, Geschäftsführung und Operations. Jede ist als erstes Dokument der Marktanalyse überschrieben – des Dokuments, das für die dritte Woche geplant war. Einige der Fragen:
- Produkt: Welche Ideen haben Sie, um das Produkt zu verbessern? Wie nutzen Sie Probleme und Feedback der Lernenden, um es zu verbessern?
- Marketing: Wie würden Sie den Zielmarkt definieren und erreichen? Wie könnten mehr Kunden zu Lernenden werden?
- Pädagogik und Lehrkräfte: Wie können Sie Lehrkräften helfen, bessere Lehrkompetenzen aufzubauen? Wie nutzen Sie das Feedback der Lernenden, um den Unterricht zu verbessern?
- Support: Wie können Sie die Zeit verkürzen, bis Tickets und Nachrichten von Lernenden beantwortet sind?
- Technikteam: Wie bleibt die Plattform auch unter hoher Last stabil und schnell?
- Finanzen: Was würde die Kosten des Projekts senken?
- Geschäftsführung: Wie ließen sich Konflikte und das Miteinander zwischen den Teams besser steuern?
- Operations: Was würde die täglichen Abläufe des Projekts effizienter machen?
Jede Antwort musste nennen, wer gewinnt: die Lernenden, die Lehrkräfte oder die Plattform.
04Marktforschung
Ein Marktforschungsprojekt rund um dieselben drei Stakeholder
Eine zweite Präsentation steckte den Rahmen für die Marktforschung ab. Darin verbinden sich vier Arbeitsweisen – explorativ, lösungsorientiert, operativ und partizipativ –, und der Mehrwert auf der Plattform wird in sechs Worten definiert, die für Lehrkräfte und Lernende gleichermaßen gelten: schneller, einfacher, vielfältiger, günstiger, intelligenter und lohnender.
Dann folgen Fragen an jede Stakeholder-Gruppe. Wie können Lehrkräfte wirkungsvoller unterrichten und mehr gute Lernende erreichen? Wie kann die Plattform mehr Lernende mit Lehrkräften zusammenbringen und sie halten? Wie bekommen Lernende mehr Möglichkeiten zu bezahlen?
Das Ziel ist der operative Gewinn; „entgangener Gewinn ist Verlust“, heißt es auf einer Folie. Einnahmenszenarien (mehr Käufe, schnellere Käufe, mehr Käufer, wiederkehrende Käufer) und Kostenszenarien (ein besseres Nutzungserlebnis, Nutzer halten, verhindern, dass Nutzer OTeacher umgehen) werden zuerst getestet und dann auf einer Nutzen-Aufwand-Matrix bewertet, bevor irgendetwas umgesetzt wird. Das Marktanalyse-Dokument selbst war in neunzehn Schritten geplant, von Bedürfnissen und Wettbewerbern bis zu Umfragen, Interviews und Gesprächen mit Lehrkräften und Lernenden.
05Research
Tiefeninterviews mit Lehrkräften
Die Interviews des Plans fanden nicht nur mit dem eigenen Personal statt. Sina und das Team setzten sich mit Lehrkräften zu langen, offenen Interviews zusammen, teils zu mehreren an einem Tisch, über ihren Unterricht, ihr Einkommen und die Werkzeuge, mit denen sie unterrichten.
Die Interviews wurden in einer einheitlichen Vorlage festgehalten: eine Empathiekarte dazu, was die Person denkt, fühlt, tut und sagt, und ein Profil mit Leitspruch, Zielen, Sorgen, Erwartungen an OTeacher, Hürden sowie der eigenen Art zu lernen und zu unterrichten. Für Lernende galt dieselbe Vorlage.
Das Ergebnis waren neun Personas auf vierzehn Boards: drei Lehrkräfte und sechs Lernende.

06Personas
Zwei Seiten, zwei Beschwerden
Die Präsentation fasst die Persona der Lehrkräfte in einem Satz zusammen: „Die Lernenden zahlen nicht!“ Lehrkräfte forderten bessere Werkzeuge für den Unterricht und mehr Einkommen. Sie wollten, dass die besten Lehrkräfte herausstechen – mit Abzeichen für erfahrene und leitende Lehrkräfte und einer höheren Hürde für neue –, dazu fairere Regeln für Absagen mit einer Strafe für Lernende, die nicht zum Unterricht erscheinen. Den Verlust von Lernenden schrieben sie dem Tool für den Videounterricht zu, und sie sorgten sich um Lernende, die abspringen.
Die Persona der Lernenden sagt: „Was ist denn mit unserem Kurs passiert?!“ Eine gute, passende Lehrkraft zu finden, war schwer und ungewiss. Frühere Misserfolge machten Lernende vorsichtig, es gab keinen klaren Lernpfad, und die Plattform selbst war ohne verlässliche Verbindung zur Lehrkraft das größte Hindernis. Lernende fürchteten, die investierte Zeit und das bezahlte Geld zu verlieren.
Beide Seiten zeigten auf dieselben zwei Dinge: den Unterricht selbst und die Frage, welche Lehrkraft die richtige ist.

Lehrkräfte: sieben Erwartungen an die Plattform.

07Lösung
Eine Positionierung, ein Ziel und eine Roadmap in drei Horizonten
Die Strategiepräsentation verortet die Marke auf einer Linie: heute eine Option unter mehreren, um online eine Sprache zu lernen; in der zweiten Jahreshälfte die erste Wahl; langfristig ein ernstzunehmender, einflussreicher Akteur im gesamten Markt für Sprachenlernen. Das Ziel dahinter ist der operative Gewinn.
Die Roadmap begann mit den Haftnotizen aus dem Produktmanagement und wurde in drei Horizonte gegliedert. Herbst 1402: eine Unterrichtsplattform, ein Messenger, Matching nach Niveau, Spezialkurse und Gruppenkurse. Winter 1402: bessere Werkzeuge für den Unterricht, eine Roadmap für Lernende, Angebote für Organisationen und zwei Analysen, zu Deviseneinnahmen und zu einem neuen Markt. Später: ein Shop, aufgezeichnete Kurse, Finanzen, ein Ticketmanager sowie MVPs zu Deviseneinnahmen und zu einem Produkt für einen neuen Markt.
Neben die Interviews gelegt, beantworten die ersten beiden Horizonte die lautesten Beschwerden: eine Unterrichtsplattform und ein Messenger für die abgerissene Verbindung zur Lehrkraft, Matching nach Niveau für Lernende, die nicht die richtige Lehrkraft finden, eine Roadmap für Lernende gegen den fehlenden Lernpfad und bessere Werkzeuge für Lehrkräfte.
Die zwei größten Wetten, Deviseneinnahmen und ein neuer Markt, kommen als Analysen auf die Roadmap und kehren später als MVPs zurück.



Herbst 1402

08Abteilung Pädagogik
Lehrkräfte wollten Unterschiede sichtbar machen
Parallel zur Produktarbeit stellt die Präsentation eine neue Abteilung Pädagogik vor, die mehrere Wünsche der Lehrkräfte aufgreift. Ihre fünf Maßnahmen: die Abteilung aufbauen, um Zufriedenheit und Unterrichtsqualität zu steigern; ein Supervisionsteam aus aktiven, erfahrenen Lehrkräften bilden; Standards, Unterrichtsprozesse und Interviews entwerfen; alle Lehrkräfte interviewen und in Gruppen einteilen; und Fachkurse durchführen, um die Fähigkeiten der Lehrkräfte zu stärken.

09Entscheidungen
Fünf Entscheidungen hinter dem Plan
Die Präsentationen und Boards machen diese Entscheidungen sichtbar.
- 01
Jede Abteilung befragen, bevor gestaltet wird
Der Auftrag war ein Redesign, doch die Teams teilten weder Ziele noch einen Entscheidungsweg. Zuerst zu gestalten hätte bedeutet, für die Produktsicht eines einzigen Teams zu gestalten.
- Abwägung
- Die ersten zwei Wochen gingen in Ziele, Rollen und Interviews statt ins Produkt.
- 02
Ein Format für acht Abteilungen
Jede Liste beginnt mit derselben Anweisung: antworten und sagen, was das Ergebnis für Lernende, Lehrkräfte und die Plattform schafft. So ließen sich die Antworten aus den Finanzen und aus der Pädagogik an denselben drei Stakeholdern messen.
- Abwägung
- Ein einheitliches Format passt zu manchen Teams besser als zu anderen; die Liste für Operations wiederholt sich, um auf zwanzig zu kommen.
- 03
Lehrkräfte ausführlich interviewen
Lehrkräfte sind eine Seite des Marktplatzes. Das Gespräch mit ihnen machte aus allgemeinen Beschwerden konkrete Wünsche: Abzeichen für erfahrene Lehrkräfte, eine höhere Hürde für neue, fairere Regeln für Absagen.
10Meine Rolle
Sinas Anteil
Sina arbeitete im Produktteam von OTeacher mit der Person im Produktmanagement zusammen. Die Strategiedatei ist Sinas Arbeit: der Plan, die Fragelisten, die Präsentationen und die Persona-Boards.
Verantwortet
- Der vierwöchige Strategieplan und die Präsentation dazu
- Die Fragelisten für acht Abteilungen
- Die Präsentation zum Marktforschungsprojekt
- Die Empathiekarte, die Persona-Vorlage und die Persona-Boards
- Die Strategiepräsentation, die Markenpositionierung, Ziel und Roadmap darlegt
Mitverantwortet
- Der Strategieprozess selbst, gemeinsam mit dem Produktmanagement: der Plan, die gestellten Fragen und die Roadmap, die daraus entstand
Mitgearbeitet
- Die Person im Produktmanagement, im gesamten Prozess, einschließlich des ersten Roadmap-Entwurfs
- Die Abteilungen, die die Fragelisten beantworteten
- Die interviewten Lehrkräfte und Lernenden sowie die Abteilung Pädagogik
Folien zur Firmengeschichte, zum Team und zu einer Schätzung der Marktgröße, eine unfertige SWOT-Vorlage und ein Roadmap-Entwurf auf Haftnotizen werden nicht gezeigt, ebenso wenig die Persona-Boards, die die Namen der Interviewten tragen.
11Ergebnisse
Ein Plan, den das ganze Unternehmen lesen konnte
Die Datei hält den Prozess und die Ergebnisse fest, nicht, was das Unternehmen danach damit machte. Nutzungszahlen gibt es daher keine.
- Abteilungen, jede mit eigener Frageliste
- 8
- Produkt, Marketing, Pädagogik, Support, Technik, Finanzen, Geschäftsführung und Operations, je zwanzig Fragen
- Gelieferter Output
- Personas für beide Seiten des Marktplatzes
- 9
- Drei Lehrkräfte und sechs Lernende auf vierzehn Boards
- Gelieferter Output
- Roadmap-Punkte in drei Horizonten
- 16
- Fünf für Herbst 1402, fünf für Winter 1402 und sechs für später
- Gelieferter Output
Was geliefert wurde
- Ein vierwöchiger Strategieplan mit Präsentation
- Fragelisten für acht Abteilungen
- Eine Präsentation zum Marktforschungsprojekt
- Tiefeninterviews mit Lehrkräften und neun Personas von Lehrkräften und Lernenden
- Eine Markenpositionierung, ein Ziel für den operativen Gewinn und eine Roadmap in drei Horizonten
12Gelernt
Was ich ändern würde
- 01
Die Fragen auf jedes Team zuschneiden
Jede Abteilung bekam dasselbe Format mit zwanzig Zeilen, und den späteren Listen merkt man das an: Die Liste für Operations wiederholt dieselben wenigen Fragen, um ihre zwanzig Zeilen zu füllen, und auch die Geschäftsführung wiederholt sich. Acht oder zehn Fragen, eigens für jedes Team geschrieben, hätten mit weniger mehr gefragt.
- 02
Jedem Horizont Verantwortliche und eine Messgröße geben
Woche vier sah Ziele, KPIs und Kennzahlen vor, doch die Roadmap-Folien listen die Punkte nach Jahreszeit auf, ohne Verantwortliche oder Zielwert. Eine Roadmap, die das ganze Unternehmen liest, sollte zu jedem Punkt nennen, wer verantwortlich ist und woran der Erfolg gemessen wird.
- 03
Sagen, für wie viele Menschen jede Persona steht
Die Personas sind fertige Boards, und nichts darauf zeigt, wie viele Interviews hinter jeder stecken. Eine Zeile pro Persona mit der Zahl der Befragten und dem Zeitpunkt der Interviews würde es Lesenden erlauben, ihr Gewicht einzuschätzen.
